Traditionelle Chinesische Medizin und Globalisierung

    Die Chinesische Medizin und die Anwendung ihrer pharmazeutischen Arzneien haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Diese hochwirksamen Verfahren fügen sich jedoch nicht nahtlos in das standardisierte Model der westlichen Gesundheitssysteme. Wie lassen sich diese traditionellen Verfahren in einer globalisierten und durch Handel regulierten Welt bewahren und zugänglich machen, wenn wir als Patienten (und ebenso unsere gesetzgebenden Institutionen) auf qualitative Standards größten Wert legen wollen und müssen?

    Auf einer Veranstaltung im Mai 2017 mit der Chinesischen Handelskammer für Pharmaprodukte (CCCMHPIE) stellten Mitarbeiter die Firma Tasly die Herausforderungen und Hürden vor, die es bei der Einführung eines chinesischen Heilmittels in den europäischen Markt zu beachten gilt.[1] Am Beispiel der erfolgreichen Registrierung ihrer Danshen Capsules nach der THMP-Richtlinie (traditional herbal medicinal products) wurde deutlich, dass das Interesse an der Zulassung von pfanzlichen Arzneimitteln in den Gesundheitsmarkt der Europäischen Union enorm ist, zugleich jedoch für den Anbieter mit ganz erheblichen qualitativen und regulatorischen Aufwand verbunden ist.[2] Die von der geführte Liste der Top-50 chinesischen Importeure für TCM-relevante Produkte und Biotechnologie liest sich als Nachweis unternehmerischer Energie und Vielfalt beeindruckend.[3] Sie macht zugleich auf die Herausforderung aufmerksam, die traditionellen chinesischen Heilmethoden in ihrer originären Diversität und lokalen Ursprünglichkeit zu verstehen, und diese in Zeiten notwendiger internationaler Standartisierung ausreichend zu bewahren.

    Phytomedicine and Biopiracy: Eine Konferenz an der Universität Mainz

    Mit der Frage, wie sich globale Normen und Standards insbesondere für den fragilen Bereich der traditionellen Biomedizin und der Naturheilkunde entwickeln und durchsetzen lassen, wird sich im Juli diesen Jahres unter etwas anderen Vorzeichen auch ein internationales Symposium an der Gutenberg Universität Mainz beschäftigen.

    Unter dem Titel „Phytomedicine und Biopiracy“ (Pflanzenheilkunde und Biopiraterie) tagen Wissenschaftler der Medizin, Ökologie sowie der Rechts- und Kulturwissenschaften, um die Thematik der Vereinbarkeit von kultureller Identität und Urheberschaft mit den legitimen Bedürfnissen von globaler Regulierung und Vermarktung zu erörtern.[1] David Yue-Wei Lee vom McLean Hospital der Harvard Universität, dort Leiter eines biomedizinisches Labors und ein Teilnehmer an der Mainzer Konferenz, will zum Beispiel über die Einführung von TCM-Arzneimitteln auf dem US-amerikanischen Markt sprechen. Die Amerikanistin Mita Banerjee, sie hat unter anderem zu Theorien des Postkolonialismus und im Bereich der Ethnic Studies geforscht, wird den tieferen Problemkreis von Güterverteilung und kultureller Identität aus kulturwissenschaftlicher Sicht erläutern.

    Beide Positionen geben einen kleinen Einblick in die Aktualität und in die thematische Bandbreite der Frage nach der Standardisierung ursprünglich kaum (zumindest nach modernen Kriterien) regulierter Methoden und Verfahrensweisen, wie sie für die TCM charakteristisch sind. Und sie verdeutlichen ebenso die Notwendigkeit einer interdisziplinär-wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Themas.

     

    Historische Einblicke

    Mit der tieferen Beschäftigung der historischen Quellen und dem faktischen Wissen um die historisch gewachsenen Ursprünge der Traditionellen Chinesischen Medizin wird viel klarer, dass diese auf einem überaus dichten Regelwerk von tradierten Schriften und Praktiken aufbaut, auch wenn diese selbstverständlich nicht den Maßstäben naturwissenschaftlicher Medizin entsprechen konnten oder können. Weiterhin liegen die tatsächlichen Ursprünge der chinesischen Heilkunde weniger in dunkel-magischen Kulten einer nebulösen Vorzeit, sondern lassen sich, wie der Sinologe und Medizinhistoriker Paul U. Unschuld in vielen Publikationen zeigen konnte, anhand von archäologischen Funden relativ konkret bestimmen.[2] Der Blick des Historikers auf die in Materialien und Quellenzeugnissen überlieferte Geschichte der TCM lässt ihre originäre und historisch-gewachsene Heterogenität heraustreten. Sie ist noch heute in der innerchinesischen Vielheit der medizinischen Heilmittel und Techniken vorzufinden.

    Medizinische Tradition und Modernisierung innerhalb Chinas

    TCM chinesische Medizin ist heute ein allgegenwärtiger und fest verankerter Bestandteil des chinesischen Gesundheitssystems. Dabei lassen sich drei Säulen der Integration von TCM-Praktiken in die gesellschaftliche Realität Chinas ausmachen: Zunächst die Vergabe von biomedizinischen Arzneimitteln durch behandelnde Ärzte, weiterhin die Diagnose von spezifischen Krankheitsbildern auf Grundlage des holistischen Lehrsystems der TCM und schließlich, als drittes Element, eine Synthese von traditionellen und westlichen Verfahren in der Behandlung.[3]

    Hinsichtlich der medizinischen Praxis kann dabei im heutigen China ebenso wenig von „der“ Traditionellen Chinesischen Medizin (im Sinne eines streng-homogenen Gesamtgebäudes von geregelten Verfahren) gesprochen werden, wie es in historischer Sicht bereits skizziert wurde. Die TCM zeigt sich vielmehr auch in ihrer Gegenwart als ein ebenso heterogener wie hybrider Komplex von Anwendungen zwischen wissenschaftlichen Normierungstendenzen und den Praktiken medizinischer Anwendung.

    Chinesische Standards seit dem 20. Jahrhundert

    Hinzu kommt oftmals die politische Inanspruchnahme der Traditionellen Medizin zur Außendarstellung chinesischer Kultur und Geschichte. Die Bestrebungen zur Modernisierung und umfassender Standardisierung der gegenüber dem Westen als archaisch empfundenen eigenen Medizin fanden einen Höhepunkt in der Zeit der maoistischen Kulturrevolution. Als seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts viele traditionelle Heilverfahren Asiens in einer rücklaufenden Welle der Globalisierung auf die westlichen Gesellschaften trafen – dabei oftmals mehr im Kontext unspezifischer Heilungsversprechen  – waren die behördlichen Entscheidungsträgern auf chinesischer Seite verstärkt darum bemüht, die naturwissenschaftlichen Standards der TCM als ein akademisches Lehrgebäude vor einer globalisierten Beliebigkeit zu schützen. Angesprochen werden sollte jedoch auch, dass damit zudem mögliche Keime von alternativ-politischen Bewegungen blockiert werden sollten.[4]

    In jüngster Zeit: Offizielle Erklärungen und Institutionalisierung

    Vor diesem Hintergrund ist die Beijing Declaration der chinesischen Behörde für Wissenschaft  und Technik von 2007 zu verstehen: Hier wird in einem bemerkenswerten Akt von staatlichem Marketing die originäre Verbundenheit der TCM mit der Geschichte und Kultur der Chinesischen Volksrepublik betont sowie ihre biomedizinisch-naturwissenschaftliche Grundlage als geltender Standard beschrieben.[5]  Mit Gründung des Consortium for Globalization of Chinese Medicine im Jahr 2003 in Hongkong, wurde darüber hinaus der Versuch unternommen, notwendige Standardisierungen der TCM in einem international geprägten Kontext zu etablieren.[6]  Das CGCM bietet heute eine globale Plattform, um Themen der Traditionellen Chinesischen Medizin mit gegenwärtigen Forschungen in der Biomedizin und deren aktuellen medizinischen Anwendung zu verbinden. So umfasst das diesjährige Meeting des CGCMs Gebiete wie der Kräuterheilkunde oder klinische Fallstudien und vereint so unterschiedliche Disziplinen wie traditionelle Akupunktur mit der datengestützten Bioinformatik, bis hin zur chemischen Biologie. Die internationale Rolle der TCM ist als ein anhaltender Veränderungsprozess zu begreifen. Traditionelle Chinesische Medizin und ihre Produkte finden sich innerhalb der globalen Gemeinschaft von Wissenschaft, Medizin und Gesundheitsmarkt eingebettet – sie sind dabei eher komplementäre Ergänzung zur westlichen Medizin als ihr Gegenstück.[7]

    Messe in Shanghai – und eine Ankündigung

    Für die siebzehnte CPhl in Shanghai (20-22 Juni 2017), die auch in diesem Jahr wieder in den Hallen des SNIEC (Shanghai New International Expo Center) stattfinden wird, werden über 40.000 Besucher aus 120 unterschiedlichen Nationen erwartet. Es ist eine der weltweit größten Messen für pharmazeutische Produkte. Im Vorfeld der Messe fand die Ankündigung große Aufmerksamkeit, das chinesische Gesundheitsministerium würde TCM-Regularien (bekannt als TCM-Law) bald in Gesetzesform gießen – ein positives Signal auch für ausländische Investoren.[8] Es wäre die erste umfassende chinesische Gesetzesvorlage für den Billionen-Dollar-Markt der TCM, der zudem jetzt auch offiziell als bedeutender Wirtschaftsfaktor benannt wird. Von dieser Initiative werden unzweifelhaft weitere Vereinfachungen durch rechtliche Standards ausgehen. Chinesische Pharmafirmen wie Dong-E-E-jioa, Tongrentang, Yunnan Baiyao oder Tasly werden von diesen Regulierungsschritten ebenso profitieren können, wie ausländische Exporteure. Die Geschichte der TCM (wie auch die ihrer Produkte) schreibt sich auf diese Weise im Zwischenraum von globaler Regulierung und tradierter Verwurzelung in rasanter Geschwindigkeit fort.

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